Katja Blum

"Durchflutete Raumfugen"

Die künstlerischen Arbeiten von Katja Blum erstaunen in ihrer Feinheit, die in sich eine konzentrierte Kraft birgt. Sie sind, in unterschiedlichen Medien realisiert, ernsthaft, jedoch jenseits strikter Festlegung.

Seit Jahren verfolgt Katja Blum eine Arbeitsweise, die sich als Untersuchung vorgefundener flächiger (Karthographie) und volumenhafter (Architektur) Ordnungssysteme und dem individuellen Gestalten, der eigenwilligen Komposition versteht. Gefundenes Bildmaterial von Stadtplänen und Landschaftsstrukturen, selbst gefertigte Fotografien von architektonischen Anordnungen, von Containern oder Häuserblöcken werden dekontextualisiert und durch Verschiebung und Neuschöpfung jener Ordnungen zu Bildmotiven, die sich zwischen Abstraktion und neu konzipierter formaler Konkretisierung bewegen. Tradierte Auf- und Ansichten werden aus ihrer Verweis – Funktion entwendet und in einen neuen Bildzusammenhang gebracht, welcher so sein eigenes Dasein behauptet. Narrative Momente können während der Betrachtung stattfinden – als Erzählung eines neuen Gebietes, einer Gegend, die sich an Orten zwischen Realem und nicht Einordbarem befinden. Versucht man perspektivische Eindeutigkeit zu sehen, oder eine konkrete Form, so gerät der Blick an Stellen, die nicht logisch einem bestimmten Konzept folgen. Der Dialog von Formen geschieht in abstrakter und figurativer Bildsprache.

Eine der Stärken dieser Papierarbeiten, Collagen und Drucke ist die Dramaturgie von An – und Abwesenheit von Setzungen. Im ureigensten Sinne geschieht hier die Arbeit mit und an Strukturen, die von sich aus immer aus verschieden rhythmitisiertem Abwechseln von Setzung und Lücke, Ton und Pause, Material und Loch besteht. Zu der präzisen Arbeit der Entscheidungen für die Anordnungen von geometrischen Formen, schwungvollen Linien, die in ihrer Bezogenheit ein oftmals organisches Ganzes ergeben, seien diese geschnitten, geklebt oder gedruckt, geschieht hier auch immer die bewusste Komposition der freien Fläche. Das Pendant zur Struktur, nämlich der ganz und gar ungestaltete Raum, die Leere des Bildes, eines Blattes, ist hier nicht Umraum, sondern ebenfalls Motiv. Wir erfahren eine Hommage an diese Leere, eine mutige, hörbare Stille. Diese Kompositionen lassen uns differenzierte Raumerfahrungen erleben.

Drastischer als in den Arbeiten „geschnittenes Papier“ können unsere konventionellen Beziehungen zum Bild als ganzheitlicher Schicht, als Fenster oder Haut kaum herausgefordert werden. Die Setzung von Einzelformen, der Duktus, geschieht hier in umgekehrter Weise: durch Wegschneiden anstatt durch Hinzufügen. Die Absenz des Papiers wird in Form von Löchern präsent gemacht. Die Verhältnisse drehen sich um, wir machen die Erfahrung der Abwesenheit von Material als Bedingung für die Anwesenheit von Form. Das Papier ist nicht Bildträger, sondern buchstäblich Bildobjekt. Die gesamte Struktur der einzelnen kleinen geschnittenen Formen ergibt ein Motiv, welches nur existieren kann aufgrund der Papierstege dazwischen, den umgekehrten Fugen und der unberührten Peripherie, ganz so, wie die Küstenlinie sich durch das Aufeinandertreffen von Land- und Wasserraum ergibt, gehören die beiden Bildkomponenten von unberührter Flächenausdehnung und gestückelter Lochanordnung zusammen. Diese Formationen legen Ebenen in den Blattraum, die sich perspektivisch verjüngen oder ein kartografisches Gegenüber formulieren. Die Karte als Orientierung und Vermessung von Raum und immer einer Funktion verpflichtet ist nicht denkbar ohne Referenten. Die Bezüge sind hier ausschließlich innerhalb des Bildes anwesend. Oftmals in sequentieller Folge, werden die Blätter in einem Abstand mit der senkrecht einschneidenden Pause der Formatgrenze zur Wand gehängt. Der Luftraum dahinter sorgt für den sichtbaren Schatten. Das weiße Papierobjekt erhält sein dunkles, teils gitterartiges und gleichsam immaterielles Gegenüber. Als flächiger, in sich unstrukturierter Abklatsch unterbricht das Schattenbild visuell das Kontinuum der Wand. Die Künstlerin versteht es, ein komplexes Gefüge von Raum – Parametern zu gestalten, in denen Bildraum und realer Handlungsraum ineinander greifen.

In den geschichteten Bildern sind es die linearen Abstufungen der Papierlagen, die je nach Lichteinfall Schattenlinien oder hell aufleuchtende Linien hervortreten lassen und die topografischen Verortungen von Wölbung und Mulde, von oben und unten optisch verändern können. Die Oberfläche, die immer eine Plastizität hat und als solche ein in den Raum hineinragendes Volumen ist, wird gezielt in den Fokus unserer Wahrnehmung gebracht. Erst die Stellen, die sich unterscheiden, optisch oder haptisch vermitteln seinen Gegenstand. Ab wann ist eine Oberfläche ein Objekt, eine Form? Ab welcher Höhe unterscheidet sich ein Ding von einer Fläche? Die visuellen und physischen Räume, in denen wir uns befinden, erfahren durch die Arbeiten von Katja Blum eine Erweiterung auf den Ebenen des Erlebens und Reflektierens durch virtuose Bildschöpfungen.

Die Druckarbeit „Venedig“ (2008) benennt Massenverhältnisse auf dem Blatt anders: Der freie Luftraum ist hier materieller Farbblock, die Hausvolumen, die den Luftraum besetzen und visuell beschneiden, sind ausgespart. Die Grenzkonturen gehören zu beiden Formen, trennen und verbinden. Verschiedene Verbindungs- und Trennungsarten sind in den Arbeiten relevant. Linien, die wie hier beiden Dimensionen angehören und das Prinzip der Fuge, bekannt aus räumlichen Zusammenhängen, als Spalt zwischen zwei Körpern, die aneinander fixiert sind. Die Fuge stellt somit ein eigenes, immaterielles drittes Element dar, welches die Trennung und Verbindung gleichsam garantiert. In musikalischer Fugenordnung ist das Prinzip der Imitation und Wiederholung ausschlaggebend – die Modulation eines grundlegenden Themas ähnlich der geometrischen Versatzstücke der „geschnittenen Räume“. Die Bildrealitäten, die uns in Katja Blum’ s Werk begegnen zeigen, dass Bilder das Potential haben können, die Verhältnisse der Dinge und auch unsere Wahrnehmung neu zu erfinden und wir dadurch neuen, freien Raum bekommen.